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Gedanken 20. März 2020

Slow down…

Seit einigen Tagen ist die Welt eine andere. Sie entschleunigt sich. Seit Wochenbeginn arbeite ich, wie viele andere Leute auch, im Home Office. Plötzlich merkt der Mensch, wie klein er eigentlich ist. Er träumt davon, eines Tages neue Planeten zu besiedeln, und geht vor einem unsichtbaren und winzigen Feind machtlos in die Knie.

Das Corona-Virus hat uns nun auch in Deutschland und in vielen weiteren Teilen der Welt eingeholt. Wie oft hat man sich im Internet schon über Fail-Videos lustig gemacht? Die Menschen in diesen Videos mussten erfahren, dass ihre Unachtsamkeit oder gar Dummheit meist schmerzhafte Folgen hat. Und plötzlich sind wir selbst diese Typen. Wir alle.

Es gibt nicht die Möglichkeit, wie in einem Computer-Spiel den Schwierigkeitsgrad zu reduzieren oder noch mal von vorne zu beginnen. Es gibt nicht die Möglichkeit, mal eben schnell auf Pause zu drücken, um mal zu pullern, oder Netflix auszuschalten, weil der Film einem zu sehr an die Nieren geht. Die Tage, in denen wir gerade leben, sind ein roter Strich im Kalender und werden in die Geschichtsbücher eingehen. Es wird eine Zeit „vor Corona“ und eine Zeit „nach Corona“ geben. Und diesmal war es nicht „der Russe“ oder „der Ami“. Es war keine Atombombe, keine Armeen, die unser Land stürmten. Nein, es war der abgehackte Kopf einer Fledermaus auf einem chinesischen Markt in einer globalisierten Welt.

Es ist, als wollte Gott den Menschen zu seinem Glück zwingen, mal wieder einen Gang herunterzuschalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In einer Zeit, in der die Gesellschaft von Neid,  Hass und gegenseitigen Vorwürfen zerfressen ist, in der keine Meinung mehr gilt außer die eigene. In der die anderen an allem schuld sind. In einer Zeit, in der nur noch das dicke Auto vor dem Haus zählt und ein Urlaub nur noch dann toll ist, wenn er möglichst teuer war und man das auch jedem auf sämtlichen Social-Media-Plattformen zeigen kann, weil man das Gefühl liebt, beneidet zu werden und das für einen selbst die einzige befriedigende Form der Anerkennung ist. Oftmals zahlt man dafür einen hohen Preis und vernachlässigt seinen Partner, seine Kinder und seine Familie, denn das bisschen Zeit, das man neben der Arbeit noch hat, verbringt man dann doch lieber im Fitness-Studio. Man muss ja schließlich auch blendend aussehen und den Schein wahren.

Plötzlich geht das alles nicht mehr. Es ist wie ein mahnender Zeigefinger, dass man endlich aufhören solle, zu schnell zu leben. Man sitzt zu Hause und ist plötzlich gezwungen, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Als wollte Gott dir sagen: Du bist sterblich und hilflos, bleib zu Hause und kümmere dich um dich und deine Lieben. Helft euch gegenseitig. Kundengespräche beginnen plötzlich mit der ernst gemeinten Frage »Wie geht es Ihnen?« und enden häufig mit »Passen Sie gut auf sich auf und bleiben Sie gesund!«. Es ist Zeit für Besinnung und Einkehr. Es ist das Ende der Selbstsucht.

Wenn diese ungewöhnliche Zeit vorbei ist, werden wir das Miteinander mehr schätzen und jede Umarmung genießen, weil wir wissen, wie zerbrechlich diese einfachen Dinge doch sind und weil wir sie vermisst haben. Wir werden nicht mehr darüber diskutieren, ob so konservative Gebilde wie eine Familie noch zeitgemäß sind.

Nutzen wir die Zeit, um zu zeigen, dass wir menschlich sind und uns gegenseitig helfen.

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