Ein Saisonende mit fadem Beigeschmack

Ein Saisonende mit fadem Beigeschmack

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Nach dem heutigen Ingolstädter 2:0-Auswärtssieg in Meppen kann der SV Waldhof den Aufstieg in die 2. Bundesliga wohl endgültig abhaken. Zwar kann der Club aus dem Mannheimer Norden mehr als zufrieden mit der Punkteausbeute als Aufsteiger sein, doch der Absturz von Platz 2 auf Platz 8 binnen weniger Wochen nach Beendigung der Corona-Pause muss Gründe haben. Ich begebe mich auf die Suche nach möglichen Erklärungen.

Der DFB jagt uns in die Insolvenz.

Markus Kompp, Geschäftsführer SV Waldhof

Am 7. März 2020 sollte der Waldhof für lange Zeit sein vorerst letztes Drittliga-Spiel austragen. Durch ein 0:0 in Würzburg kletterte der Verein in der Tabelle auf den zweiten Platz. Dann sorgte COVID-19, auch bekannt als Corona-Virus, für eine Zwangspause im deutschen Profi-Fußball. Die Vereine der 3. Liga waren sich uneins: Die Häfte, vorrangig die Clubs auf den vordersten und hintersten Plätzen, sprachen sich für einen Abbruch der Saison aus, Vereine mit Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen — und davon gab es einige — wollten auf Biegen und Brechen weiterspielen. Man muss ehrlich sein und zugeben, dass hier mit Sicherheit auch eigene Interessen eine gewichtige Rolle bei der Beurteilung der Situation spielten.

Tabelle 3. Liga Spieltag 27
Die Tabelle der 3. Liga nach dem 27. Spieltag
Quelle: kicker.de

Fast drei Monate ruhte der Ball in der 3. Liga. Während sich die Deutsche Fußball-Liga (DFL), verantwortlich für die Vereine der 1. und 2. Bundesliga, mit der Bundesregierung auf eine Fortsetzung des Spielbetriebs unter Einhaltung eines erarbeiteten Hygienekonzepts verständigte, ging der Deutsche Fußball-Bund (DFB), verantwortlich für die 3. Liga, wie selbstverständlich davon aus, dass das Konzept auch für die 3. Liga gelte. Doch Pustekuchen. Bund und Länder erteilten dem DFB eine Abfuhr und es entstand zunehmend der Eindruck, als wolle der Verband, allen voran Vize-Präsident Rainer Koch, zu dem der Waldhof ohnehin eine besondere Beziehung hat, das Nein der Politik nicht dulden und trotzdem weiterspielen. Zahlreiche Vereine wehrten sich, allen voran der SV Waldhof in Person von Geschäftsführer Markus Kompp, der den Verband und Dr. Koch vor einigen Monaten vor dem Frankfurt Oberlandesgericht düpierte und den Gerichtsprozess, in dem es um den Punktabzug nach dem Spielabbruch im Aufstiegsspiel gegen den KFC Uerdingen am 27. Mai 2018 ging, für sich entschied. Auch bei den Vereinen, die unbedingt weiterspielen wollten, machte sich der 37-jährige keine Freunde.

Kein fairer Wettbewerb

Es folgten wochenlange Streits zwischen Clubs und DFB. Manche Bundesländer erlaubten ihren Vereinen das Training, andere wiederum nicht oder unter strengeren Bedingungen. Eine Gleichbehandlung war so nicht mehr gegeben. Hinzu kam, dass einigen Ost-Vereinen die Nutzung des Heimstadions von der Politik untersagt wurde, so dass beispielsweise der FC Carl-Zeiss Jena seine Heimspiele in Würzburg auszutragen hatte. Wiederum andere Vereine wie der 1. FC Kaiserslautern nutzten die Gunst der Stunde und meldeten Insolvenz an, da der DFB den Punktabzug bei Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in dieser Spielzeit aussetzte, um finanziell in Schieflage geratenen Vereinen unter die Arme zu greifen.

Clubs in Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen durften bereits ab Mitte Mai wieder voll ins Mannschaftstraining einstiegen und bereits zuvor schon in Kleingruppen auf den Platz zurückkehren, während sich die Spieler in Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg lange Zeit zu Hause fit halten mussten und erst spät überhaupt gemeinsam in Gruppen trainieren durften. Der Waldhof stieg erst am 19. Mai wieder ins Mannschaftstraining ein, da zunächst kein Arzt für die Rolle des hauptamtlichen Hygienebeauftragten gefunden werden konnte. Hinzu kamen offene Fragen bei auslaufenden Spielerverträgen, die Stand heute nicht geklärt sind. Es kann somit sein, dass an den letzten beiden Spieltagen Mannschaften teilweise auf einige Spieler verzichten müssen, wodurch eine klare Wettbewerbsverzerrung eintritt. Was sagt der DFB dazu? Natürlich nichts.

Unter völlig verschiedenen Bedingungen startete die 3. Liga am 30. Mai wieder ihren Spielbetrieb — nach 11 Wochen Pause. Das Mammut-Programm sah dabei 11 Spiele in gerade mal 36 Tagen, also bis zum 4. Juli, vor. Die Relegation zur 2. Bundesliga soll bis zum 11. Juli beendet sein. Während dem Drittligisten damit nur drei Tage Regenerationszeit bleiben, kann sich der Tabellen-16. der 2. Liga (1. FC Nürnberg) ganze zehn Tage vorbereiten. Ein Nachteil? Nicht in den Augen des DFB. Der Vater eines Waldhof-Spielers sagte mir erst vor wenigen Tagen: „Mein Sohn ist vollkommen austrainiert, aber er verliert trotzdem noch weiter Gewicht, egal wie viel er isst. Die Jungs können gar nicht so viel essen, wie sie verbrennen. Ich hoffe, da kippt nicht irgendwann noch einer auf dem Platz um.“

Tabelle 3. Liga nach Corona
Die Post-Corona-Tabelle
Quelle: fussballdaten.de

Wagt man nun einen Blick auf die „Post-Corona-Tabelle“ lässt sich zumindest in Ansätzen erkennen, dass Vereine, die früher ins Training einsteigen durften als andere und zudem die zahlreich aufgetretenen Verletzungen dank eines breiten Kaders kompensieren konnten, plötzlich vorne stehen. Die zweite Mannschaft des FC Bayern München, am 27. Spieltag noch auf Rang 7, führt das Tableau nun an, gefolgt von den bayerischen Vertretern Würzburg (2.) und Ingolstadt (4.). Auch Eintracht Braunschweig steht nun kurz vor dem Aufstieg in die 2. Bundesliga. In der unteren Hälfte tummeln sich dann vor allem zahlreiche Ost-Vereine, die zwar auch schon vor der Pause im Abstiegskampf steckten, aber dennoch klar bei ihrem Vorhaben, den Abstieg zu verhindern, benachteiligt wurden. Und auch die Aufstiegsanwärter Duisburg (10.), Mannheim (13.) und Unterhaching (19.) stürzten komplett ab. Belegen lässt sich die These des unfairen Wettbewerbs vielleicht nicht, aber zumindest wird klar, dass die Spielpause einiges durcheinander gewirbelt hat.

Der Skandal von Ingolstadt

Und dann wäre da noch der 35. Spieltag zu erwähnen. Der Waldhof (7.) gastiert in Ingolstadt (6.). Mit Robert Kempter pfeift ein vermeintlich erfahrener und bundesliga-erprobter Schiedsrichter die Partie. Nach 26 Minuten erzielt der Waldhof, zu diesem Zeitpunkt die etwas überlegene Mannschaft, das 1:0. Kempter gibt den Treffer. Während zahlreiche Spieler bereits den Weg zum Mittelkreis antreten, bedrängt Ingolstadts Maximilian Beister den Linienrichter, der daraufhin nach rund einer Minute die Fahne hebt. Wieso, weshalb, warum weiß niemand. Auch bei ausführlichem Studium der TV-Bilder lag weder Abseits noch ein Foulspiel vor. Pikant: Jener Linienrichter kommt aus dem rheinland-pfälzischen Worms und soll Fan des 1. FC Kaiserslautern sein. Als Kempter nach 42 Minuten Elfmeter gegen Mannheim pfeift, ist der Skandal perfekt. Waldhofs Florian Flick nahm im Strafraum das Bein zu hoch, zog allerdings rechtzeitig zurück und traf seinen Gegenspieler nicht. Kempter hatte beste Sicht, doch statt indirektem Freistoß wegen gefährlichen Spiels gibt es Elfmetrr. Stefan Kutschke verwandelt und bringt den Waldhof damit auf die Verlierer-Straße. Das 2:0 durch Maximilian Thalhammer (70.) ist dann nur noch Ergebnis-Kosmetik.

Waldhof-Trainer Bernhard Trares platzt der Kragen. Unmittelbar nach dem nicht gegebenen Tor für seine Mannschaft schickt Robert Kempter ihn mit Rot auf die Tribüne, weil er den Ball wegschlug. Nach dem Spiel brennen dem sonst eher besonnenen Coach vor laufenden TV-Kameras die Sicherungen durch: „Ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat, dass wir immer gegen den DFB klagen. Der Koch kommt ja hier aus Bayern. Vielleicht gibt es da Sympathien.“

Auch Fehler in den eigenen Reihen

Natürlich hat die Saison-Fortsetzung unter diesen Gegebenheiten einen faden Beigeschmack, doch der Waldhof hat auch interne Probleme bislang nicht geklärt. Bei zahlreichen Spielern laufen zum Saisonende die Verträge aus, auch bei Chef-Trainer Bernhard Trares. Gut möglich, dass angesichts der Ungewissheit über die eigene Zukunft der ein oder andere mental nicht mehr voll bei der Sache ist. Und auch beim gestrigen 0:0 gegen Preußen Münster ließ die Mannschaft den notwendigen Mut vor allem in der Schlussphase vermissen. Zu verlieren gab es ohnehin nichts mehr, nur noch zu gewinnen.

So bleibt es am Ende wohl eine außergewöhnliche Saison unter widrigen Bedingungen, in der die Mannschaft lange Zeit über sich hinausgewachsen ist, aber bei dem brutalen Pensum in der Schlussphase einfach an ihre Belastungsgrenze kam.

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