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Sports, SV Waldhof 24. Februar 2020

»Es ist doch nur Fußball.«

»Es ist doch nur Fußball«. Egal ob Freundin, Mutter, Verwandte oder Bekannte, die mit Fußball wenig und mit Rivalitäten noch weniger anfangen können: Sie alle benutzen diesen Satz dieser Tage ziemlich oft. Und ja, irgendwie haben sie alle vielleicht Recht, aber die Zeit unmittelbar vor einem Derby führt bei einem Fußball-Fan zu Herzrasen. Die Gedanken drehen sich nur noch um das Spiel der Spiele. Die Zeit bis zum Spieltag läuft schleppend langsam.

Vielleicht ist die Aufregung vergleichbar mit der Nervosität eines heranwachsenden Mannes kurz vor dem berüchtigten dritten Date. Man hofft auf einen Sieg, am besten sogar auf eine richtige Demütigung des Gegners, damit man seinen Arbeitskollegen am nächsten Montag so richtig ärgern kann. Und gerade als Waldhof-Fan ist es etwas ganz Besonderes, denn zum ersten mal seit 24 Jahren gastiert der 1. FC Kaiserslautern zu einem Liga-Spiel im Mannheimer Carl-Benz-Stadion. Eine unglaublich lange Zeit, unter der die Rivalität nicht gelitten hat.

Die Geschichte der Rivalität

Viele Mythen ranken sich um den wahren Ursprung der gegenseitigen Abneigung von Waldhof und Lautern, doch dabei ist es ganz einfach. 

Im Jahr 1983 stieg der SVW in die 1. Bundesliga auf, das eigene Stadion entsprach aber nicht den Anforderungen im deutschen Oberhaus. Also zog er kurzerhand in das Ludwigshafener Südweststadion auf die andere Rheinseite um — und damit in das vermeintliche Hohheitsgebiet des FCK. Daraufhin forderte der damalige FCK-Präsident Udo Sopp: „Wir haben immer unseren Standpunkt deutlich gemacht, dass der SV Waldhof in Mannheim spielen sollte, in der Stadt Mannheim und dem entsprechenden Verbandsgebiet. Wir wollen da keinen Konkurrenten sportlich auf Kleinflamme stellen, aber wir haben unsere ökonomischen Gesichtspunkte deutlich wahrzunehmen.“

Unvergessen ist bis heute die verbale Schlammschlacht in der Sportschau zwischen dem damaligen Waldhof-Präsidenten Wilhelm Grüber und seinem pfälzischen Amtskollegen, der nicht müde wurde zu betonen, dass der Waldhof dem 1. FC Kaiserslautern die Zuschauer streitig machen würde. In der Tat machte er es. In der Saison 1983/84 hatte der SV Waldhof mit 26.982 Zuschauern einen deutlich besseren Schnitt als der FCK (19.017). 1989 zog der SVW zwar wieder zurück ins alte Stadion am Alsenweg, doch auch wenn der Streit damit beendet war — die Rivalität hält bis heute an!

Atilla Birlik
Atilla Birlik, auch bekannt als »Ehrmann-Killer«

Atilla Birlik: Liebling und Hassfigur

Ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein war der 26. Mai 1997. In der 64. Minute wechselte Waldhof-Trainer Uwe Rapolder den gerade mal 19-jährigen Atilla Birlik auf dem Lauterer Betzenberg beim Stand von 0:3 ein. Nur drei Minuten später flog Birlik nach einem Wischer über das Gesicht von FCK-Torwartlegende Gerry Ehrmann mit Rot vom Platz: „Ich war übermotiviert und dachte, meine Karriere sei ruiniert“, sagt er heute und fährt fort: „Beim nächsten Training waren unglaublich viele Fans da und riefen plötzlich ‚Ehrmann-Killer‘. Ich wusste gar nicht was los war. Auch in der Schule war ich plötzlich ein Hit.“ Das Spiel endete mit 0:5.

Noch heute wird Birlik für diesen kurzen Aussetzer von Waldhof-Fans nahezu vergöttert und gleichzeitig vom Gegner aus der Pfalz verachtet. Und auch über zwei Jahrzehnte später kramen die Medien dieses Ereignis immer wieder andächtig aus den Archiven. Vor exakt einem Jahr war es dann jener Ehrmann, der im Vorfeld eines möglichen Waldhof-Aufstiegs in die 3. Liga Öl ins Feuer goss und auf einer Veranstaltung den Satz „Waldhof? Gibt’s den Verein immer noch?“ fallen ließ. 12 Monate später wird sich Lauterns Kult-Torwart das Spiel vor dem Fernsehgerät anschauen müssen, denn der Verein entließ ihn erst vor wenigen Tagen, da er sich immer wieder abfällig über FCK-Trainer Boris Schommers geäußert haben soll.

Verkehrte Welt

Nachdem der Waldhof fast zwei Jahrzehnte im Fußball-Nirvana herum dümpelte ist er momentan so etwas wie die »Mannschaft der Stunde« in der 3. Liga. Der Durchmarsch von der Regionalliga in die 2. Bundesliga ist nicht völlig ausgeschlossen und langsam gibt auch der sonst so besonnene Waldhof-Trainer Bernhard Trares seine Zurückhaltung auf. Im Interview mit dem Mannheimer Morgen stellte er klar, dass man schnell den Klassenerhalt perfekt machen wolle, um dann über neue Ziele nachzudenken. Auf der Gegenseite befindet sich am kommenden Samstag (14.00 Uhr) ein taumelnder FCK, vom Selbstverständnis her eigentlich reif für die Champions League, doch aktuell — nach nur 3 Punkten aus den letzten 6 Liga-Partien, gepaart mit akuter Ladehemmung — mitten im Abstiegskampf angekommen. Nach jahrelangem Spott aus der Pfalz geht der Waldhof diesmal als Favorit ins Spiel.

Es ist nur Fußball!

Und ungeachtet aller Sticheleien und verbalen Hasstiraden im Vorfeld dieses deutschlandweit beachteten Derbys muss ich dem Satz zustimmen: Es ist nur Fußball! Trotz einer fragwürdigen Einsatztaktik der Polizei im Hinspiel (1:1) blieb es ruhig. FCK- und SVW-Fans spazierten teilweise gemeinsam den Berg hoch und runter. Ob eine ähnlich optimistische Taktik angesichts der angespannten sportlichen Lage beim 1. FC Kaiserslautern ratsam ist, sei mal dahingestellt. Gewalt hat in und um das Stadion herum nichts zu suchen! Am Ende wollen wir alle nur ein geiles Fußball-Fest mit lautstarken Gesängen und begeisternden Choreographien auf den Tribünen erleben. Wenn man am Montag dann noch ein wenig die Kollegen mit der Niederlage aufziehen kann, ist doch alles perfekt…

Ein kleiner Rückblick auf das Hinspiel

SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
SV Waldhof Mannheim gegen 1. FC Kaiserslautern
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